Focus Online 27.12.2019

Fremdgehen lohnt sich – zumindest an der Börse

von Volker Tietz

Börsenlegende Gottfried Heller spricht im großen Interview mit FOCUS Online über die Rolle von US-Präsident Trump für die Anleger, was er von der großen Koalition hält und warum er viel lieber Jens Weidmann als neuen EZB-Präsidenten gesehen hätte.
FOL: Herr Heller, worauf müssen Anleger in 2020 achten? Indizes wie Dax, Dow Jones oder S&P500 haben neue Rekorde erreicht. Kann das so weitergehen?

Gottfried Heller: Solange die Bewertungen – wie derzeit – noch angemessen und steigende Unternehmensgewinne zu erwarten sind, sehe ich keine übertriebenen Risiken.

Worauf basiert Ihre Zuversicht?

Drei Entwicklungen haben den Kursaufschwung entscheidend beeinflusst: Zinssenkungen, die Geldschwemme durch neue Anleihekäufe der Notenbanken und bessere Konjunkturerwartungen.

Für 2020 sehen viele Experten eher eine Rezession.

Ich nicht. Das klingt zwar verwegen, weil Wirtschaftsforscher, IWF und die Regierungen ihre Wachstumsprognosen für 2019 und 2020 nach unten revidiert haben. Aber die Börsen laufen der Wirtschaftsentwicklung sechs bis neun Monaten vorweg. Die heutigen Kursgewinne sind Vorschusslorbeeren, weil sich die Wirtschaftserwartungen für 2020 seit dem Herbst verbessert haben.

Uns stehen also neue blühende Landschaften vor der Tür?

Nein, wir dürfen nicht übertreiben. Die Wirtschaftsentwicklung sehe ich mäßig positiv. Aber seit Oktober 2019 gilt: Die Rezession findet nicht statt!

Warum?

Wichtige Frühindikatoren, die der Wirtschaft vorauseilen, sind reihenweise besser als erwartet ausgefallen und signalisieren eine Stabilisierung der Konjunktur. Allerdings hängt die Konjunktur hauptsächlich von Konsum und Dienstleistungen ab, die Investitionen sind schwach. Das ist der Unsicherheit geschuldet, die von US-Präsident Trumps unkalkulierbarem Verhalten ausgeht. Um zu investieren, mangelt es den Unternehmen an Planungssicherheit.

Glauben Sie an seine Wiederwahl?

Ich erwarte erst einmal einen Wahlkampf, der so schmutzig und brutal wie keiner zuvor abläuft. Trump lässt sich nicht kampflos aus dem Amt vertreiben. Schon seit Vater hat ihm eingebläut, es geht nicht um Gut oder Böse, sondern um Sieg oder Niederlage. Das passt zu einem krankhaften Narziss.

Und was passiert, wenn er vor seiner möglichen Wiederwahl seines Amtes enthoben wird?

Ich glaube, das Impeachment-Verfahren verläuft im Sand. Im Repräsentantenhaus haben die Demokraten die Mehrheit, aber im Senat liegen die Republikaner mit 52 zu 48 Stimmen vorne. Und für ein erfolgreiches Amtsenthebungsverfahren braucht es eine Zwei-Drittel-Mehrheit, also 67 Stimmen. So viele Überläufer wird es nicht geben. Risiken gibt es für Trump von anderer Stelle.

Weil Michael Bloomberg antreten will?

Ja. Der Mann ist mächtig und 55 Milliarden Dollar schwer. Dagegen ist Trump mit seinen 1,5 oder zwei Milliarden ein kleiner Wicht.

Noch was?

Sprengstoff bergen Untersuchungen der Staatsanwaltschaft Manhattan, die Trump zur Herausgabe seiner Steuererklärungen der letzten 8 Jahre zwingen will.

Was hat Trump eigentlich zu bieten außer Pöbeleien oder profanen Dingen?

Eine berechtigte Frage, aber es gibt durchaus etwas. Er hat den Steuersatz für Unternehmen von 35 auf 21 Prozent gesenkt. Das hat die Wirtschaft angekurbelt. Zum Vergleich: In Deutschland liegen wir mit unseren 30 Prozent weltweit fast an der Spitze der Besteuerung. Und unsere Regierung macht nichts, sie schaut nur apathisch zu, ob sich die Wirtschaft wieder erholt.

Ein Freund der GroKo sind sie demnach nicht.

Wie sollte ich auch? Wenn der Staat die Wirtschaft nicht unterstützt, sind die Folgen absehbar. Wenn ich nur 21 Prozent Steuern zahle wie in den USA, bin ich wettbewerbsfähiger und kann auch mehr investieren. Die deutschen Firmen investieren hingegen mehr im Ausland, weil es dort billiger ist. Das wird nicht gutgehen. Die Politik hierzulande ist ignorant, da kann ich nur noch mit dem Kopf schütteln. Alleine Frau Merkel mit dem krampfhaften Festhalten an der schwarzen Null. Als wäre es die letzte Weisheit der Welt.

Mit der Wahl von Christine Lagarde zur EZB-Chefin spart sich die Regierung aber weiterhin hohe Zinskosten.

Das ist ja das Übel. Deshalb wollte Frankreichs Präsident Macron ja Christine Lagarde und nicht den Mann, der am besten für die Draghi-Nachfolge geeignet gewesen wäre: Jens Weidmann! Und Frau Merkel hat das unterstützt, weil sie im gleichen Stil mit der schwarzen Null weitermachen will. Weidmann wäre nicht so gefällig gewesen.

Sparer dürfen demnach nicht auf höhere Zinsen hoffen.

Heller: Nein. Draghis letzte Amtshandlung mit der Staffelübergabe an Lagarde hat die Richtung eindeutig vorgegeben.

Wird sich der Trend mit den Negativzinsen nun sogar noch verschärfen?

Nein, auch da habe ich eine andere Meinung als die Masse. Obwohl die Notenbanken, einschließlich der EZB, wie wild Geld drucken, sind die Anleihezinsen zuletzt etwas gestiegen. Das wird sich fortsetzen.

Klingt unlogisch.

Die Zinsen sind so niedrig, eine weitere Lockerung bringt keinen Effekt mehr. Nun müssen die Staaten mit fiskalpolitischen Maßnahmen die Wirtschaft ankurbeln, das heißt, so wie Trump es mit den Steuersenkungen gemacht hat. Die Geldpolitik ist an ihre Grenzen gestoßen.

Wie sollen Anleger mit dieser komplexen Situation umgehen?

Eine Grundregel lautet: Aktien kaufen, dabei die Gelder breit streuen und nicht nur in Deutschland investieren. Wenn Sie die Entwicklung des Dax mit dem des S&P500 vergleichen, der mehr als doppelt so gut abschneidet, dann lohnt sich das Fremdgehen – an der Börse wohlgemerkt!

Wie geht das konkret?

Anleger sollten das Depot international breit aufstellen, zum Beispiel mit ETFs auf den MSCI World. Und es gilt Aktienklassen höher zu gewichten, die langfristig die besten Renditen bringen – das sind Dividenden-Aktien, Nebenwerte und die Aktien der Emerging Markets, wie ich es in meinem Buch “Die Revolution der Geldanlage beschrieben habe.

Und Ihr Rat für schwache Börsentage?

Stärkere Schwankungen gehören zur Börse dazu. Aber Mutige nutzen schwache Tage dann zu Käufen.