Smart Investor_09.09.2019

Erinnerungen an Börsenaltmeister André Kostolany

Gottfried Heller, langjähriger Weggefährte des Börsenaltmeisters, erinnert sich für die Zeitschrift "Smart Investor" an drei Jahrzehnte gemeinsamen Wirkens.

Smart Investor: Herr Heller, wann und wie kamen Sie mit André Kostolany erstmals in Kontakt?
Heller: Ich traf ihn zum ersten Mal im Juli 1969 auf einer Konferenz zum Auslandsinvestmentgesetz, das eine Folge des IOS-Fondsskandals war. Ein Ministerialrat erläuterte dort, dass Fonds grundsätzlich schon eine gute Sache wären und verglich sie mit Omnibussen, mit denen auch jene ans Ziel gelangten, die nicht über ein eigenes Auto – sprich: Einzelaktien – verfügten. Dann trat ein kleiner Herr mit einer goldumrandeten Brille auf: „Ja schön und gut, aber wie stellen Sie sicher, dass die ausländischen Busfahrer überhaupt einen Führerschein haben?“ Alle haben gelacht. Ich bin nach der Veranstaltung auf ihn zugegangen – Kostolanys Gesicht war mir schon von seiner Kolumne im Wirtschaftsmagazin „Capital“ vertraut – und habe ihn unverfroren gefragt, ob er nicht Lust hätte, mit mir zusammen eine Depotverwaltung zu gründen. Das war damals eigentlich das Feld von Privatbanken. Anfang 1971 gründeten wir gemeinsam die FIDUKA Depotverwaltung GmbH. Ab 1974 starteten wir mit den Kostolany Börsenseminaren. Das erste Seminar fand im Oktober vor rund 30 Anlegern in München statt. Am Ende wurden es über 100 Seminare mit insgesamt rund 25.000 Teilnehmern.

Es heißt, Kostolany hielt auch unter dem Kommunismus immer den Kontakt zu seinen alten Kollegen in Ungarn. Was wissen Sie darüber?
Er ist immer wieder nach Budapest gefahren. Er erzählte mir, dass er sich als Musikliebhaber gerne über Kunst und Musik unterhalten hätte, während seine Kollegen sich nur für die Börse und die Finanzmärkte interessierten -  etwas, was ihnen unter dem Kommunismus versagt war.

Gibt es eine Börsensituation, in der Sie extrem unterschiedlicher Meinung waren?
Wir waren unterschiedlicher Meinung in Bezug auf die strenge Geldpolitik unter Bundesbankpräsident Schlesinger. Kostolany hat immer die ungarischen Zigeunermusikanten zitiert: „Ka Geld? Ka Musik!“ Wenn wir kein Geld bekommen, dann spielen wir auch nicht. Das sei an der Börse genauso. Ich habe die Probleme dagegen eher bei Helmut Kohl gesehen, der eine zu inflationäre Politik betrieb, weshalb die Bundesbank dagegenhalten musste.

Wie ist Kostonlany eigentlich auf seine Anlageideen gekommen?
Er hatte seine Kontakte und hat sich deren Ideen angehört. Als ihm jemand von Xerox, die hießen damals noch Haloid, berichtete, hielt er das für eine tolle Idee. Er hat ziemlich früh gekauft und entsprechend einen Riesengewinn erzielt. Dabei war er kein „Schnellfinger“. Eigentlich hat er überhaupt kein kurzfristiges Trading gemacht.

Es kam ihm also vor allem auf die Idee an?
So ist es, ein Thema, eine Idee. Weder hat er gerne Bilanzen studiert, noch war er sonderlich detailversessen. Ein Pfennigfuchser war er schon gar nicht. Er war auch keiner, der dauernd angespannt Kurse verfolgt hätte. „Grosso modo“ wusste er immer, wo er steht. Das hat ihm gereicht. Auch an der Börse war er sozusagen ein Künstler. Er hat ja auch immer gesagt: „Die Börse ist keine Wissenschaft, sondern eine Kunst.“ Und er hat nach Turnarounds Ausschau gehalten, ein typischer Antizykliker.

Was hat ihn an Turnarounds so fasziniert?
Heller: Er hat gerne das Beispiel gebracht, dass die Marge bei Blue Chips nach oben sehr begrenzt ist, weil die Titel schon hoch stehen und alle Welt sie hat. Dagegen hat ein Turnaround, mit dem man gar nicht mehr rechnet, eine Riesenmarge! Wenn etwas bei 1 steht und auf 10 steigt, dann sind das 900%. Wenn aber etwas bei 100 steht und auf 110 geht, sind es halt rein mathematisch nur 10%.

Kommen wir zu Kostolanys berühmten „Schlaftabletten“. Was hat er damit gemeint?
Angeblich hat Kostolany damit „Buy & Hold“ propagiert. Aber das stimmt nicht. Es war ein psychologischer Rat, weil Anleger meist falsch reagieren, besonders, wenn es an der Börse blitzt und kracht und man dann in Panik verkauft. Er empfahl, sich ein internationales Aktiendepot zuzulegen, Schlaftabletten einzunehmen und dann fünf oder sechs Jahre zu schlafen. Wenn man dann aufwacht, würde man meistens eine angenehme Überraschung erleben. Er hat übrigens nie gesagt, dass man dann reich sein würde. Das Ganze hatte sogar einen realen Hintergrund: Ein Onkel von Kostolany hatte an der berühmten Budapester Getreidebörse auf Kredit spekuliert, und das ging so schief, dass der Onkel sogar Selbstmordgedanken hatte. Er wurde dann angeblich tatsächlich auf eine Schlafkur gesetzt, damit er nicht durchdreht. Als er wieder aufwachte, hatte sich der Börsensturm verzogen. Bei der Schlaftabletten-Metapher geht es also darum, Fehlreaktionen zu vermeiden.

Wie war Kostolany eigentlich so im Alltag?
Eine persönliche Geschichte, über die ich immer noch schmunzeln muss, war ein Ausflug nach Salzburg ins berühmte Café Tomaselli. Es war ein traumhaft schöner Sommertag, aber als ich nach rund zweieinhalb Stunden, gegen halb acht Uhr abends, zum Aufbruch mahnte, entgegnete er: „Nein, mir gefällt es hier so gut, ich bleibe über Nacht.“ Er hatte nicht einmal Gepäck dabei. So spontan war er und diese Spontaneität hat er sich bis ins Alter hinein bewahrt.

Unseres Wissens war er der einzige Börsianer, der es in Deutschland zu breiter Popularität gebracht hat. Der Kosename „Kosto“ war vielen geläufig.
Da haben Sie absolut Recht. Mit seinem sehr scharfen Verstand ist er schnell zum Kern einer Sache vorgedrungen und er war ein außerordentlich humorvoller Mensch, der Themen gerne in eine Metapher gekleidet hat. Dabei zitierte er oft den französischen Dichter Montaigne: „Ich lehre nicht, ich erzähle.“ Das hat viel von seiner Faszination ausgemacht.

Herr Heller, herzlichen Dank für Ihre Ausführungen!

Interview: Ralph Malisch

André Kostolony (Jahrgang 1906) und Gottfried Heller (Jahrgang 1935) entwickelten sich seit Mitte der 1970er Jahre zu einem wahren „Dreamteam“ der deutschen Kapitalanlageszene. Dabei hat „Kosto“, wie er von seinen zahlreichen Anhängern liebevoll genannt wurde, mit seiner lebendigen Erzählweise und seinen geistreichen Kommentaren einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zur Aktienkultur im Lande geleistet.