VDI nachrichten 13.09.2019

„Aktien sind billig“

Von Dieter W. Heumann VDI nachrichten:

VDI nachrichten: Früher trug man sein Geld zur Bank und zahlte es aufs Sparbuch ein. Kann man das dem Bürger heute – in Zeiten von Nullzinsen – noch raten?
Gottfried Heller: Das Sparbuch war in der Zeit vor der Finanzkrise der Kassenschlager schlechthin. Der Deutsche schwor darauf und für Banken und Sparkassen war es ein günstiges Refinanzierungsmittel. Zudem wurden die Sparzinsen bei einer Erhöhung des Notenbankzinses erst zeitverzögert angepasst, bei der Senkung desZinses allerdings umgehend. Aktuell ist der Renner von einst, das Tagesgeldkonto, auf dem 1,5 Billionen € lagern, allerdings bei 0,01 % Durchschnittszins.

Wie kann der Sparer dem trotzen?
Er muss umdenken, sein Anlage - verhalten ändern und zur Kenntnis nehmen: Die völlig risikolosen Zeiten der Geldanlage gibt es nicht mehr.

Wie steht es um die Alternativen – Immobilien, Aktien oder Gold?
Vor allem in den Ballungsgebieten haben sich die Mieten deutlich erhöht. Da die Baupreise jedoch schneller steigen als die Mieten, winkt Kapitalanlegern nur ein mäßiger Ertrag. Gold eignet sich für den langfristig orientierten Kapitalanleger meiner Meinung nach nicht. Es ist ein zyklisches Investment, das starken Schwankungen unterworfen ist. Es gibt weder einen Ertrag noch einen nennenswerten Bedarf in der Wirtschaft. Will man mit Gold Gewinne erzielen, muss man ein sehr gutes Timing haben. Ich kenne niemanden, der das perfekte Timing beherrscht. Allerdings können einige Goldmünzen – wie das Aspirin im häuslichen Arzneikästchen – durchaus beruhigen.

Und wie beurteilen Sie Aktien?
Mit dem heute zur Verfügung stehenden Instrumentarium ist es auch für Privatanleger möglich, auf risikoarme Art und Weise in Aktien anzulegen. Aber der Aktienanleger sollte langfristig orientiert sein und nicht gleich verkaufen, wenn der Börsenwind rauer weht. Stürmische Zeiten gehen vorüber. Danach ist die Börse stets zu neuen Höchstständen aufgebrochen. Vermögensbildung: Anlageexperte Gottfried Heller glaubt nicht an steigende Zinsen, rät vom Goldkauf ab und plädiert für langfristige Aktieninvestments.

Die EZB hat entschieden, mindestens bis 2020 bei Nullzinsen zu bleiben. Glauben Sie an steigende Zinsen danach?
Selbst wenn die EZB den Leitzins auf 1 % erhöhen würde und die Inflationsrate läge bei 1,5 % bis 2 %, würde das Sparguthaben weiter dahinschmelzen. Ich glaube aber in den kommenden Jahren nicht an steigende Zinsen. Zumal die EZB noch ein besonderes Problem hat, nämlich die hoch verschuldeten Staaten im südlichen Euroraum.Heller: Diese Länder würden aufgrund ihrer hohen Staatsverschuldung bei einem Zinsanstieg wieder ernste Probleme bekommen. Und die südlichen Euroländer dominieren den EZB-Rat, der letztlich über die Geldpolitik abstimmt.

Gibt es weitere Faktoren, die auf den Zins drücken?
Ja, die tiefen Zinsen bei niedriger Inflation sind stark durch weltweit veränderte Faktoren bedingt. Erstens durch den demografischen Wandel einer ergrauenden Weltbevölkerung: Ältere Menschen sparen mehr und konsumieren weniger. Zweitens durch eine starke Ersparnisbildung in den Schwellenländern, die meist keine Sozialsysteme haben wie die Industrieländer. Drittens durch den Wandel von einer Industrie- zu einer Wissensgesellschaft, in der Unternehmen weniger in Sachkapital investieren und selbst zu Sparern werden.

Warren Buffett sagte jüngst: „Aktien sind lächerlich billig, wenn die Zinsen auf dem gegenwärtigen Niveau bleiben.“ Gilt das auch für den deutschen Aktienmarkt?
Natürlich sind Aktien im Vergleich zu Zinsanlagen lächerlich billig. Diese Aussage gilt auch für den deutschen Markt. Buffett meinte die Gewinnrendite von Aktien, also das Verhältnis der Unternehmensgewinne zu den Börsenwerten. Sie beträgt aktuell beim Dax 7,3 %, beim Weltindex 6,4 %. Im Vergleich dazu beträgt der Zins bei zehnjährigen Bundesanleihen -0,7 %.

Sollte man in Zeiten deutlicher wirtschaftlicher Schwäche nicht besser abwarten und erst später investieren?
Nein, wie bereits eingangs erwähnt, sollte es dem privaten Anleger nicht darum gehen, das kurzfristige Auf und Ab an den Börsen zu nutzen. Schon institutionelle Anleger tun sich äußerst schwer, den richtigen Moment zum Ein- und Ausstieg zu erwischen. Aber dem langfristig orientierten Anleger sind Erfolge am Aktienmarkt sicher, wie uns die statistischen Zeitreihen beweisen. In den letzten zehn Jahren kommt man bei Aktien inklusive der Dividende auf eine inflationsbereinigte durchschnittliche jährliche reale Rendite von 6,5 % bis 8 %.

Gottfried Heller Der Anlage-Altmeister ist seit über 50 Jahren in der Vermögensverwaltung tätig.
Gemeinsam mit seinem Freund, der Börsenlegende André Kostolany, gründete er 1971 die Depotverwaltung Fiduka.
Heller hat zahlreiche Bücher zur Geldanlage geschrieben, die z. T. viele Wochen auf den Bestsellerlisten standen. Sein jüngstes Buch ist „Die Revolution der Geldanlage“ (FBV FinanzBuch Verlag).