Interview 06.09.2018

„Ich rate zu Indexfonds“

Auf welche Aktien der Börsenaltmeister Gottfried Heller setzt, erklärt der Seniorpartner der Fiduka Vermögensverwaltung im Interview.

VDI-Nachrichten: Herr Heller, es sind turbulente Börsenzeiten. Wo steht der Dax am Jahresende?
Heller: Es gibt eine alte Regel für Prognostiker: „Wenn du eine Zahl sagst, sage keine Zeit und wenn du eine Zeit sagst, sage keine Zahl.“ Daher nur soviel: Ich sehe den Dax zum Jahresende etwas höher als zu Jahresbeginn. Der M-Dax sollte sich etwas besser als der Dax entwickeln und der Tech-Dax besser als der M-Dax.

Welche Titel gefallen Ihnen in diesen unsicheren Zeiten?
Lassen Sie mich dazu nur soviel sagen: In Deutschland, aber auch an den Aktienbörsen in Europa sind die Bewertungen dank gestiegener Unternehmensgewinne, gemessen an Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) und Dividendenrendite, wieder ziemlich attraktiv.

Aber?
Aber in einer Börsensituation, die derzeit von einer sehr hohen Unsicherheit geprägt ist, schaue ich nicht auf einzelne Titel oder Branchen. Es ist heute nicht abzuschätzen, was z. B. die irrationalen Beschlüsse eines Donald Trump letztlich für die Gewinnsituation und die weitere wirtschaftliche Entwicklung betroffener Unternehmen, wie etwa BMW, bedeutet.

Wie gehen Sie dann vor?
Aus meiner 50-jährigen Börsenerfahrung weiß ich, dass Aktien nur kurzfristig riskant sind, langfristig jedoch alle anderen Anlageformen schlagen. Ich setze daher auf Aktien, aber rate dem privaten Anleger grundsätzlich – aber besonders in diesen unsicheren Zeiten – zu Aktienindizes in Form von Indexfonds, den sogenannten ETF. Dadurch sind sie besser vor einem unvorhersehbaren Risiko einer einzelnen Aktie geschützt. Jüngere finanzwissenschaftliche Untersuchungen belegen, dass 90 % des Anlageerfolgs der Wahl der richtigen Anlageklasse und nur 10 % der Auswahl, also dem Stockpicking, geschuldet sind.

Warum ETF?
Sie legen das Geld der Kunden passiv in Aktienindizes, wie den Dax, Euro-Stoxxs 50 aber auch weltweit z. B. in den MSCI World oder in Rentenindizes wie dem Rex an, der die Entwicklung der Bundesanleihen wiedergibt. Dabei verzichten sie völlig auf eine aktive Auswahl und auf das Timing, also auf die Suche nach günstigen Kauf- und Verkaufszeitpunkten, was selbst den besten Profis auf Dauer nur selten gelingt. In meinem jüngsten Buch „Die Revolution der Geldanlage“ habe ich u. a.  verschiedene Anlageformen – darunter ETF – nach den Kriterien Sicherheit, Rendite, Verfügbarkeit, Kosten und Eignung geprüft.

Und das Ergebnis?
ETF überzeugen langfristig mit einer besseren Wertentwicklung und erheblich niedrigeren Kosten als der Durchschnitt der aktiven Fonds. Da sie laufend wie Aktien an der Börse gehandelt werden, sind sie äußerst liquide und flexibel. ETF eignen sich für jedermann, ganz besonders aber für Kleinanleger und für junge Sparer, die mit einem Sparprogramm fürs Alter vorsorgen.

Zu welchen ETF raten Sie?
Sehr beliebt sind Aktien mit überdurchschnittlich hohen und nachhaltigen Dividendenrenditen. Das ist zweifellos ein wichtiger Aspekt – gerade in zinslosen Zeiten. Aber ich rate zu ETF, die neben der hohen aktuellen Dividendenrendite auf qualitative Elemente setzen. So weisen u. a. die in Stoxx-Dividendenindizes enthaltenen Aktien auch ein stabiles Wachstum der Ausschüttungen auf. Besonders geeignet ist der globale Dividenden-Aristokraten-Index, weil er mit Aktien zuverlässiger Dividendenzahler aus über 20 Ländern die breiteste Streuung aufweist. Ferner gibt es ETF für verschiedene Regionen – vor allem für Europa, die USA und Asien.

An welchen ausländischen Börsen sehen Sie noch Chancen?
Durchaus an den europäischen Börsen, wobei ich deutsche Werte – bezogen auf den Dax, dessen Unternehmen sehr exportabhängig sind – eher untergewichten würde. Die Dax-Werte leiden unter internationalen Zoll- und Handelsproblemen. Auch im Fall Europa würde ich eher in einen Index wie etwa den breit aufgestellten Stoxx 600 investieren, der auch Aktien kleinerer Unternehmen enthält. Interessant sind die USA, deren Wachstumsdynamik aufgrund der Steuerreform noch ungebrochen ist. Im Blick habe ich auch die Emerging Markets, die derzeit ein KGV von günstigen zwölf aufweisen. Allerdings bin ich – mit Blick auf Trump – bei China gegenwärtig eher vorsichtig. Das Gleiche gilt für Länder mit hoher Verschuldung im US-Dollar, wie etwa Argentinien und die Türkei.

Der Dollar legte im Laufe des ersten Halbjahres deutlich zu. Bringt das nicht die Schwellenländer in arge Schwierigkeiten?
Die meisten Emerging Markets haben in den vergangenen Jahren wirtschaftliche Reformen durchgeführt, die ihre Abhängigkeit vom Dollar gemindert haben. Allerdings geraten auch Währungen anderer Schwellenländer unter Druck, wenn es in den Problemländern kracht. Das heißt aber nicht, dass sie in eine Krise hineingezogen würden. An die Adresse des privaten Anlegers sei aber grundsätzlich gesagt, dass er sich auch hier breit international ausrichten sollte. Erfahrungsgemäß gilt: Wer international investiert, senkt das Risiko und steigert die Rendite. Auch hier helfen die richtigen ETF, eventuelle Hemmschwelle zu senken.

Die EZB wird zum Jahresende ihren Ankauf von Anleihen völlig einstellen. Noch keine Entscheidung wurde über Zinsanhebungen getroffen. EZB-Präsident Mario Draghi hat Zinserhöhungen von einem Ansteigen der Inflationsrate im Euroraum auf „nahe aber unter 2 %“ abhängig gemacht. Dieses Ziel ist erreicht. Warum handelt die EZB nicht?
Die EZB macht ihr Handeln immer von der Datenlage der Konjunktur abhängig, wie dies auch andere Zentralbanken tun. Und da ist sich die EZB derzeit noch nicht sicher, ob das von Draghi verkündete Ziel auch bereits nachhaltig erreicht worden ist.

Der EZB-Rat entscheidet wohin der Zinszug in der Eurozone fährt.
Natürlich entscheidet letztlich der EZB-Rat über die Zinspolitik der Notenbank. Dort verfügen die südlichen Euroländer über die Mehrheit der Stimmen – Länder, die hoch verschuldet sind, aber mit dem Euro heute keine Möglichkeit der Abwertung mehr haben, um über die Währung ihre Wettbewerbsfähigkeit und damit ihre Wirtschaftskraft zu stärken. Diese Länder werden daher alles tun, um höhere Leitzinsen so lange wie möglich zu vermeiden.

Erwartet wird, dass der Zins im Euroraum im Herbst 2019 steigen wird. Glauben Sie daran?
Dann könnte frühestens an der Zinsschraube gedreht werden. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass man gleich die Leitzinsen erhöhen wird. Ich glaube eher, dass der negative Einlagenzins, den Banken der EZB zahlen müssen und ihn teilweise an Unternehmen und institutionelle Anleger weiterbelasten, zuerst gesenkt oder gestrichen wird Der Sparer dagegen wird wohl noch länger auf Entlastung durch die EZB warten müssen.

Mit fleißigem Sparen lässt sich heute keine effektive Vorsorge mehr betreiben?
Der deutsche Sparer hat sein Vermögen zu 80 % in verzinsten Sparformen angelegt. Er wird wohl mindestens bis 2020 auf Zinsanhebungen warten müssen. Aber glücklich wird er auch dann nicht sein können, weil die Inflationsrate deutlich höher bleiben dürfte als der Zinssatz. Das heißt: Der Realzins ist negativ, die Ersparnisse werden schleichend entwertet.

Die Kaufkraft der Sparer schmilzt also weiter dahin und somit auch die Möglichkeit der Vorsorge über das Sparkonto?
Ja, und zu berücksichtigen ist auch der Zinseszins. Wenn Zinserträge nicht verbraucht, sondern wieder angelegt werden, wächst das Kapital exponentiell, das heißt mit zunehmender Dynamik. Denn die investierten Erträge erhöhen nach jeder Zinszahlung die Anlagesumme und damit die Erträge daraus. Mit dem nunmehr acht Jahre währenden Siechtum des Zinses ist auch der Zinseszins unter die Räder gekommen. Der Sparer muss also einen doppelten Negativeffekt verkraften. Die Bedeutung des Zinseszinses stellte kein Geringerer als Nobelpreisträger Albert Einstein heraus. Er sagte: „Der Zinseszins ist die stärkste Kraft im Universum.“

Selbst jetzt, in Zeiten von Null-Zinsen, legen die Deutschen ihr Geld stur aufs Sparkonto.
In der Tat, aber nur 7 % der Deutschen sind in Aktien investiert . In Deutschland hat die Aktie seit Jahrzehnten keine Lobby mehr. Gefördert wurden dagegen vor allem Bau- oder Versicherungssparen – also Sparformen, die heute aufgrund niedrigster Zinsen in arge Schwierigkeiten geraten sind.

Aber es gab auch geförderte Volksaktien.
Ja, der erste deutsche Wirtschaftsminister, Ludwig Erhard sah in Aktien eine wunderbare Sparform, die sowohl dem Bürger als auch der Wirtschaft insgesamt dient. Erhard hat in den 1960er-Jahren als Wirtschaftsminister die VW- und die Preussag-Aktie mit erheblichem „Rabatt“ erfolgreich in der breiten Bevölkerung platziert. Ein Versuch seiner Nachfolger, gleiches mit der Veba-Aktie zu wiederholen, ging schief, weil sie nicht als Volksaktie konzipiert war. Es gab keinen vergünstigten Ausgabekurs und der Kurs der Veba-Aktie wurde in kurzer Zeit hochgejubelt, sodass ein plötzlicher und tiefer Absturz nicht ausbleiben konnte. Weiter verschreckt haben die beiden kurz aufeinanderfolgenden Börsenabstürze im bisherigen Jahrhundert – die Dotcom-Krise zu Beginn des Jahrhunderts, die vielen Anlegern mit der „neuen Volksaktie“ Telekom hohe Verluste beschert hat, und die 2007 beginnende Finanz- und Wirtschaftskrise. Das alles hat tiefe Spuren in einer Anlagementalität hinterlassen, die – über Generationen – ohnehin von einem Totalverlust des Vermögens nach zwei Weltkriegen tief geprägt ist.

Strafzölle als Mittel der Politik greifen um sich und verunsichern die Märkte weltweit und damit international tätige Unternehmen in ihren Entscheidungen erheblich. Die weltwirtschaftliche Stimmung trübt sich ein. In Europa belasten der Brexit und die Italienkrise die Börsen zusätzlich. Welche Folgen erwarten Sie?
Wir leben in einer Zeit hoher Unsicherheit. Dennoch befindet sich die Konjunktur – nicht nur in Deutschland – immer noch auf recht hohem Niveau. Aber aufgrund zunehmender Handelshemmnisse und Protektionismus haben die Unternehmen weltweit begonnen, ihre Vorräte an Rohstoffen und Vorprodukten aufzustocken. Ein zunehmender Teil der gegenwärtigen konjunkturellen Entwicklung ist somit das Resultat vorgezogener Käufe, die der Konjunktur in Zukunft fehlen werden. Andererseits beobachten wir eine steigende Zurückhaltung bei Investitionen. Ein wichtiger Indikator für die künftige Konjunkturentwicklung ist erfahrungsgemäß der Kupferpreis, der kürzlich um 17 % kräftig eingebrochen ist. Mit Blick auf die konjunkturelle Zukunft bin ich vorsichtig.

Das heißt, dass Sie auch die weitere Börsenentwicklung negativ sehen?
Nicht unbedingt. Wenn als Folge der sich abschwächenden Konjunktur die Unternehmensgewinne weniger stark steigen, werden die Notenbanken von weiteren Zinsanhebungen absehen oder sogar eine wieder etwas expansivere Geldpolitik betreiben. Das stützt die Börsen. Eine mäßig wachsende Wirtschaft ist für die Börsen erfahrungsgemäß besser als eine boomende.

Sie leben zeitweilig in den USA. Wie sehr verändert sich das „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ unter Donald Trump?
Donald Trump ist dabei, die US-Gesellschaft tief zu spalten. Er setzt Versprechen, die er im Wahlkampf gemacht hat um, auch solche, die wirtschaftlich für amerikanische Unternehmer und Farmer letztlich schädlich sind. Als Börsianer und Anleger muss man aber die Person von der Sache trennen. So hat Trump z. B. die angekündigte Steuerreformumgesetzt und die Unternehmenssteuer von 35 % auf 21 % drastische gesenkt. Sie macht die USA zu einer Steueroase, die Auslandsinvestitionen anzieht. Dies sorgt für Kostenentlastungen und stärkt den Konsum sowie die Investitionen. Folglich verzeichnet die US-Konjunktur trotz steigender Zinsen ein anhaltend gutes Wachstum.

Das ist aber nur eine Seite?
Durchaus, und so reagieren auch immer mehr Amerikaner mit Unverständnis, wie Trump ohne politisches Gespür, ja geradezu flegelhaft mit den engsten Verbündeten der USA umgeht und um kurzfristiger wirtschaftlicher und politischer Erfolge wegen die Handelspartner u.a. mit hohen Zöllen unter Druck setzt. Dass Trump zu einer Gefahr für Weltpolitik und Weltwirtschaft geworden ist, indem er in Jahrzehnten gewachsene weltwirtschaftliche Strukturen infrage stellt, ohne Alternativen aufzuzeigen, bleibt vielen Amerikanern nicht verborgen. Sie machen sich Sorgen um die langfristigen Folgen Trumpscher Politik.

Wie stehen die Chancen für Trump bei den Anfang November anstehenden Zwischenwahlen zum Kongress?
In der Wählerschaft Trumps tut sich etwas: 35 % bis 40 % der Trump-Wähler stehen bedingungslos hinter ihrem Präsidenten. Aber ein erheblicher Teil seiner Wähler hat ihn nur gewählt, weil er die demokratische Kandidatin Hillary Clinton als Präsidentin verhindern wollte. Unter diesen Wählern scheint jetzt ein Umdenkungsprozess stattzufinden, der Trump am 6. November die Mehrheit seiner Republikaner im Kongress kosten könnte. Es gibt Chancen, dass die Demokraten z. B. das Repräsentantenhaus gewinnen. Wenn das gelänge, wären Trump politisch die Flügel gestutzt. Das wäre auch ein positives Signal für die Börsen.