Euro am Sonntag 04.01.2020

Wer sagt, es gibt einen Crash?

In einer Telefonaktion der Finanzzeitung Euro am Sonntag habe ich Mitte Dezember 2019 – zusammen mit drei anderen Experten – zahlreiche Fragen zur Geldanlage von Lesern der Finanzzeitung beantwortet. Ein Teil dieser Leserfragen und meiner Antworten ist im Rahmen einer Titelgeschichte Anfang 2020 in Euro am Sonntag erschienen. Hier sind sie:

Frage: Wie wird das Börsenjahr 2020?

Gottfried Heller: Ich glaube, dass 2020 auch ein sehr turbulentes und schwankungsreiches Börsenjahr  wird, insbesondere weil der Wahlkampf von Donald Trump so brutal und hässlich sein wird wie kein Wahlkampf zuvor. Zudem gibt es weitere geopolitische Risiken wie den Brexit.  Aktien sind zwar nicht mehr ganz billig, und die US-Titel vielleicht schon leicht überbewertet. Aber solange die Bewertungen noch im Rahmen sind, bleibt diese Anlageklasse in Anbetracht der Nullzinsen aussichtsreich - insbesondere, wenn die Unternehmensgewinne weiter steigen. Und wenn die Prognosen zutreffen, wird das Gewinnwachstum 2020 bei zehn Prozent liegen. Per saldo wird 2020 aber ein gutes Börsenjahr werden.

Frage: Welche DAX-Performance erwarten Sie 2020?
Gottfried Heller: Ich bin zuversichtlich, dass der DAX zum Jahresende 2020 höher stehen wird als heute. Insbesondere die europäischen Börsen haben Nachholbedarf, denn sie haben am stärksten unter dem Zollstreit gelitten - aber auch die Emerging Markets, allen voran China. US-Präsident Trump wird sich im Wahljahr keine zweite Kriegsfront leisten, er braucht eine brummende Wirtschaft, und da wird er weltweiten Zoff vermeiden.

Frage:  2008 hat sich doch ein Crash ereignet, und es ist ja nicht auszuschließen, dass ein solches Ereignis wieder auftritt.
Gottfried Heller: Moment: Der Crash 2008 ist eben nicht von Aktien ausgegangen, sondern von faul gewordenen Immobilienkrediten. Von einer absolut hemmungslosen, staatlich auch noch geförderten Kreditvergabe an US-Häuslebauer, die keine Kreditwürdigkeit hatten. Der Wertverfall dieser gebündelten Kredite, asset backed securieties, hat dann die Banken in den Abgrund gezogen. Eine Totalabsicherung gegen solche Ereignisse, gegen einen weltweiten Crash gibt es nicht. Aber sowohl das Einzelrisiko bei Aktien als auch das Anlageklassenrisiko kann man über Investments in weltweit breit gestreute ETF zumindest teilweise reduzieren. Das wichtigste ist: In Aktien breit investiert zu sein, international und langfristig, in Nebenwerte und Dividendenaktien, und die Emerging Markets nicht vergessen.

Frage: Deutschland ist zuletzt nur knapp an einer Rezession vorbeigekommen. Sehen Sie noch eine Rezessionsgefahr?
Gottfried Heller: Ich sehe keine Rezessionsgefahr für Deutschland. In Amerika wird die Konjunktur weiter robust laufen, China erholt sich gerade, in Japan wird zudem ein riesiges Konjunkturpaket aufgelegt. Zusätzlich zur lockeren Geldpolitik der Notenbank wird also auch fiskalisch investiert. Deshalb glaube ich nicht daran, dass es irgendwo auf der Welt 2020 eine Rezession geben wird.

Frage: Wo sehen Sie 2020 die größte Gefahr für den Aktienmarkt?
Gottfried Heller: Die größte Gefahr ginge meines Erachtens von einem stärkeren Konjunktureinbruch aus. Die Notenbanken hätten dann kaum noch Möglichkeiten, dagegen einzuschreiten, weil sie ihr Pulver schon komplett verschossen haben. Aber einen solchen Konjunktureinbruch erwarte ich nicht, solange die Inflation so niedrig bleibt wie sie ist. Einen Crash könnte ich mir außerdem nur bei einem unvorhergesehenen Unglücksfall vorstellen, etwa einer kriegerischen Handlung oder Ähnlichem.   

Frage: Halten Sie das Risiko eines ungeregelten Brexit für gebannt?
Gottfried Heller: Die Sache ist nicht aus der Welt. Der britische Premier Johnson hat jetzt eine zweite Deadline aufgebaut mit dem geplanten Freihandelsabkommen. Und auch diesen Termin will er auf Biegen und Brechen einhalten, obwohl das eine Illusion ist. Es ist weiter ein Unruheherd. Aber für gravierende Störungen der Aktienmärkte hat England wirtschaftlich einfach ein zu kleines Gewicht

Frage: Welche Branchen könnten von dieser Erholung am meisten profitieren?
Gottfried Heller: In Europa diejenigen, die am stärksten unter dem Damoklesschwert der Strafzölle gelitten haben: also Maschinenbau, Autoindustrie und, Chemie, speziell in Deutschland. Verbrauchsgüter, Nahrungsmittel, Medizin haben dagegen nicht so stark gelitten. Und unter den europäischen Börsen ist die deutsche Börse mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 13 oder 14 noch mit am preiswertesten. Zudem liegt die Dividendenrendite beim DAX bei knapp unter drei Prozent - angesichts der Nullzinsen ein interessanter Aspekt für Anleger.

Frage: Was halten Sie von Goldminenaktien?
Gottfried Heller: Goldminenaktien waren früher gute Dividendenaktien. Das ist heute nicht mehr der Fall. Da der Goldpreis inzwischen ziemlich hoch ist, sind auch die Gewinnmargen für Goldminen nicht mehr sehr groß. Ich habe keine Goldminen-Aktien, und ich würde Rohstoffaktien nur kaufen, wenn sie an eine industrielle Verwendung geknüpft sind, also beispielsweise Kupfer- und Silberminenaktien.

Frage: Was halten Sie von Ölkonzernen?
Gottfried Heller: Bei Ölkonzernen ist die Sache anders: das sind auch Rohstoffe. Ob sie Royal Dutch, Total, Exxon oder BP heißen.  Die haben Dividendenrenditen zwischen vier und sechs Prozent und sind allein schon von der Dividende her interessant.

Frage: Halten Sie nachhaltige Investments für aussichtsreich?
Gottfried Heller: Das Wort "nachhaltig" wird ebenso inflationär verwendet wie das Wort "Crash". Nachhaltig ist ein Modewort. Ich halte  nicht allzuviel davon.
 
Frage:  Wie wird sich der Goldpreis im kommenden Jahr entwickeln?
Gottfried Heller: Gold profitiert zwar von den Nullzinsen. Aber solange die Inflation niedrig bleibt, und solange die globalen Krisen nicht eskalieren, sondern  sich eher entspannen, solange wird Gold keine großen Sprünge machen und eher seitwärts oder leicht nach unten tendieren. Gold im Portfolio ist sowieso Geschmackssache. So wie man Aspirin für Notfälle im Nachtkästchen hat, so kann man Gold haben. Als Anlageform spielt es aber keine große Rolle, weil es keine Rendite bringt, sondern sogar noch Lagerkosten verursacht. Gold-Zertifikate sind auch keine Lösung, hier kaufen Anleger die Bonität des Emittenten mit. Fünf Prozent Gold im Depot ist in meinen Augen eher ein Placebo. Wenn man besser schläft dabei, dann von mir aus. Aber ich investiere nicht in Gold.

Frage: Ich habe ein Depot mit einem Volumen von 100000 Euro, jeweils ein Drittel in Anleihen, Immobilien und Aktien, und möchte es internationaler ausrichten, also beispielsweise in Richtung Wasser-, Nahrungsmittel- und Hightech. Wer kann mir beim Depot-Umbau helfen?
Gottfried Heller: Bei den Aktien würde ich auf börsennotierte Indexfonds (ETF) gehen, die weltweit positioniert sind, also den MSCI World, oder zusätzlich mit Schwellenländern den MSCI All Country World. Bei Nebenwerten könnten sie ein MDAX-ETF kaufen, oder europaweit ein Stoxx200-ETF mit den Nebenwerten. Bei den Anleihen können sie auch auf ETF setzen, die in Unternehmensanleihen investieren - entweder mit Investment-Grade, also mit hoher Bonität, oder in High-Yield-Anleihen, also hohe Rendite, aber schlechter Bonität. Diese High-Yield-Anleihen kann man mit den ETF trotz des höheren Risikos spielen, weil in den ETF 800 bis 900 Einzelanleihen enthalten sind. Das heißt, wenn eine oder zwei Anleihen ausfallen, merken Sie das gar nicht.

In unserem Fiduka-Fonds Pro Select-Weltfonds haben wir beispielsweise ein Drittel Anleihen als Absicherung und zur Stabilität. Der Rest ist international investiert in Dividendenaktien Europa/USA/Asien, Schwellenländeraktien, außerdem setzt er noch auf Megatrends wie Wasser, Ernährung und High-Tech/künstliche Intelligenz.